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Das verdrängte Sterben – Einsatz für Menschenrechte muss auch für AIDS-Patienten in Tansania gelten

Aktivisten fordern Rücktritte von deutschen und österreichischen Bischöfen der evangelisch-lutherischen Kirche

Wien (OTS) – Aussagen zu Menschenrechtsverletzungen und zu Veruntreuungen von Spendengeldern in der evangelisch-lutherischen Entwicklungszusammenarbeit während der 18. Internationalen AIDS-Konferenz Ende Juli in Wien provozieren Rücktrittsforderungen an den österreichischen Bischof Michael Bünker und den bayrischen Landesbischof Johannes Friedrich. Tansanische AIDS-Patienten, Menschenrechtsaktivisten und der Wiener Verein Pamoja weisen die Aussagen als Unwahrheiten zurück.

Michael Bünker behauptete in einer Presseaussendung vom 15. Juli 2010, dass die medizinische Betreuung der AIDS-Patienten im Bulongwa Lutheran Hospital im tansanischen Bezirk Makete “nach Auskunft des zuständigen Bischofs Hance Mwakabana gut sei” und “dass einseitige Informationen ein unzutreffendes Zerrbild der Zustände in Bulongwa zeichnen” würden. Pamoja liegen hingegen Dokumente vor, die belegen, dass die Patienten in Folge der Veruntreuung von Spendengeldern seit 2006 nicht mehr ausreichend behandelt werden.

“Die Patienten in Bulongwa sind Opfer von Menschenrechtsverletzungen und jahrzehntelangen Veruntreuungen in der evangelisch-lutherischen Entwicklungszusammenarbeit. Die Behauptungen Bischof Bünkers widersprechen den Aussagen der Patienten und den uns vorliegenden Dokumenten. Die volle Tragweite der betrügerischen Finanzgebarung in der tansanischen Kirche und die Mitverantwortung ihrer nördlichen Partnerkirchen werden durch die Aussagen heruntergespielt. Der Finanzskandal in Makete, in den die bayrische und nordelbische Landeskirche verwickelt sind, soll anscheinend als alter, bedauerlicher Einzelfall in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit porträtiert werden”, sagt Fabian Wirnsperger, Obmann von Pamoja.

Weil die Bevölkerung von Makete und die örtliche AIDS-Selbsthilfegruppe PIUMA gegen Diebstähle in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias demonstriert hatten, wurde 2006 ein erfolgreiches HIV-Behandlungsprojekt in Bulongwa durch die tansanische Kirche gewaltsam beendet. Dass dadurch das Menschenrecht auf adäquate medizinische Versorgung verletzt worden ist, wurde von PIUMA dokumentiert. Die Behandlung von Infektionen, welche bei AIDS auftreten, ist seit Beendigung des Projekts kostenpflichtig, vorgeschriebene Laboruntersuchungen werden nicht mehr durchgeführt und mangels medizinischen Personals ist eine professionelle Betreuung der Patienten nicht mehr gegeben. Auch gibt es keinen Krankenwagen, obwohl dieser von deutschen Missionswerken finanziert worden war. Wegen um Monate und Jahre verzögerter Laboruntersuchungen muss davon ausgegangen werden, dass die Sterberate in Bulongwa weit höher liegt, als die 70 von PIUMA dokumentierten Todesfälle vermuten lassen.

“Bischof Bünker wurde von mir über die Hintergründe der Menschenrechtsverletzungen und die schweren gesundheitlichen Konsequenzen für die Patienten im Jahr 2007 detailliert informiert. Es liegen ihm und seinem Vorgänger Herwig Sturm seit 2006 auch schriftliche Unterlagen vor. Obwohl Patienten unnötig gestorben sind und das Behandlungsprogramm ein Projekt der Lutherischen Kirche Österreichs war, hat Bischof Bünker verabsäumt, sich hinter die Patienten zu stellen und leistet mit der Veröffentlichung von Unwahrheiten deren Tod weiterhin Vorschub”, sagt Rainer Brandl, Arzt und ehemaliger Leiter der HIV-Klinik in Bulongwa.

Evangelische Missionswerke aus Deutschland, Skandinavien und den USA transferieren seit Jahrzehnten Spenden- und Kirchensteuergelder in Millionenhöhe an die tansanische Kirche, ohne auf die Einhaltung professioneller und gesetzlich vorgeschriebener Standards bei der Rechnungslegung sowie auf unabhängige Buchprüfungen zu bestehen. Selbst aus kircheninternen Prüfungsberichten geht hervor, dass Projekte oftmals jahrelang nicht abgerechnet werden und die tansanische Kirche für 75 Prozent ihrer Projekte die korrekte Verwendung von Spendengeldern nicht nachweisen kann. In der Lutherischen Kirche Tansanias gab es in den letzten Jahren mehrere Finanzskandale, bei denen weder die Verantwortlichen rechtlich belangt noch die veruntreuten Gelder zurückgezahlt wurden.

Den Klagen der Patienten gibt auch der von Bischof Michael Bünker zitierte tansanische Bischof Hence Mwakabana recht und widerspricht in einem Filminterview vom Februar 2010 den Aussagen des österreichischen Kirchenmannes: “Derzeit fehlt es uns an notwendigen Medikamenten und an Personal. Es ist wahr, dass die Patienten nicht gut behandelt werden können” (http://vimeo.com/12021234).

Rainer Brandl dazu: “Es erschüttert mich, dass Bischöfe und medizinische Laien auf Kosten des Lebens von Patienten die Öffentlichkeit falsch informieren. Vorliegende Daten unterstützen die Klagen der Patienten über die mangelhafte Qualität der Behandlung und das seit 4 Jahren anhaltende Sterben. Vor der Schließung der Klinik wurden die Patienten besser und gratis behandelt”.

Jackson Mbogela, Menschenrechtsaktivist aus Makete, erklärt: “2006 habe ich mit der Bevölkerung von Makete gegen die Diebstähle von Spendengeldern und die Unterdrückung durch die korrupte aus dem Ausland finanzierte Kirche protestiert. Das gestohlene Geld war unter anderem für AIDS-Waisen und die Gesundheitsversorgung bestimmt.” Mboglea, der in Holland Public Health studierte: “Ich habe in Europa erlebt, dass Bischöfe zurücktreten mussten, weil sie betrunken Auto gefahren sind, oder von Missbrauchsfällen wussten, aber nicht im Sinne der Opfer aktiv geworden sind. In meiner Heimat sind viele meiner Mitbürger unnötig gestorben. Die Diebe aber sind im Kirchendienst verblieben, oder wurden pensioniert. Entgegen den Aussagen europäischer Kirchenvertreter wurde niemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Ich denke, dass die vielen Toten und die Ungerechtigkeit, die mit unkontrollierten Spendengeldern in meiner Heimat angerichtet wird, Rücktritte von europäischen Bischöfen rechtfertigen würden.”

Die mehrfach international ausgezeichnete tansanische Journalisten Vicky Ntetema, die 2010 den Courage in Journalism Award der International Women’s Media Foundation erhielt, ergänzt: “Es ist Zeit, dass wir Afrikaner Rücktritte von europäischen Bischöfen fordern, denn die unkontrollierten Spendengelder fördern Korruption und sabotieren demokratische Entwicklungen sowie die Menschenrechte in Afrika. Wer die korrekte Verwendung von Geldern nicht einwandfrei belegen kann, darf keinesfalls Geld aus dem Ausland erhalten.” Ntetema interviewte den bis 2007 amtierenden Bischof von Makete sowie leitende Angestellte des Bulongwa Lutheran Hospitals. Seit 2005 berichtete sie auf BBC mehrfach über Korruption in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias.

Pamoja schließt sich den Forderungen aus Tansania an und fordert die Rücktritte von Bischof Michael Bünker sowie des bayrischen Landesbischofs Johannes Friedrich. Unter fahrlässigen Bedingungen transferiert die bayrische Mission Eine Welt von allen Partnerorganisationen das meiste Geld an die tansanische Kirche. Gemeinsam mit PIUMA spricht sich Pamoja auch für eine konsequente gerichtliche Verfolgung jener kirchlichen Persönlichkeiten aus, die für den Tod von Patienten in Tansania sowie die Veruntreuung von Spendengeldern verantwortlich sind.

Rückfragehinweis:

Fabian Wirnsperger
Obmann, Pamoja
Email: office(at)pamoja.at
Tel.: +43 650 533 88 27

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